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Tótvázsony/Totwaschon
Siedlungsgeschichte



 
Über den Siedlungsnamen

Der Siedlungsname entstand mit Sicherheit aus dem ungarischen Sippennamen Vázsony, dessen erstes Glied (tót: ’Slawe’) diente zur Unterscheidung vom nahegelegenem Ortsnamen Nagyvázsony (Großwaschon).

 
Mittelalterliche Geschichte

Das erste Dokument, in dem der Siedlungsname Touthvasun vorkam, ist eine für einen Gerichtsprozess verfasste Urkunde vom 29. April 1082.
Die Gemarkung der Ortschaft ist karg, die Gegend eignet sich nicht zum Weinanbau, deswegen erwarben sich die Dorfbewohner bereits seit dem 13. Jh. Grundstücke auf den Hügeln der in der Nähe liegenden Fluren von Pécsely und Szőlős, die Einnahmen aus dem Wein vergrößerten nämlich ihre Abgaben nicht. Der erste solche Kaufvertrag ist aus dem Jahre 1274 bekannt.
Die Siedlung war im Besitz der Familie Essegvári, die Leibeigenen bezahlten im Jahre 1488 Steuern in Höhe von 18 Forinten.

 
Die Geschichte der Siedlung während der Türkenherrschaft

Nach 1540 veränderte sich das Leben der Gegend, da osmanische Einfälle immer häufiger wurden. In Tótvázsony wechselte die Lehnherrenfamilie: statt der Familie Essegvári besaßen nun die Chorons aus Devecser das Dorf, am Ende des 16. Jh.s gehörte es eine Zeit lang zu Palota (heute Várpalota). Durch die Türkeneinfälle verlor der Ort immer mehr an Bewohnern: 1696 war die Hälfte der Hauser unbewohnt, lediglich 19 Leibeigenen bezahlten Steuern, die anderen waren längst weggezogen. Die Lehnherren waren die Familien Pecsovics-Tallián-Somogyi und Oroszi. (Der Richter wurde abwechselnd von den beiden Ortsteilen gewählt.)

 
Neuaufbau im 18. Jh.

Bis 1725 bestellten die Leibeigenen ihre Felder in einer Ackergemeinschaft, erst im Jahre 1725 wurde die Gemarkung aufgeteilt. Wegen der schlechten Ackerfelder wendeten sich die Bauern immer mehr den Weinbergen der Ortschaft Kis-Szőlős zu, da der Weinanbau weit weniger mit Abgaben belastet war: Der Wein wurde lediglich vom Domkapitel in Veszprém/Wesprim (mit einem Zehnt) besteuert.
Die Lehnherrenfamilien gehörten der kalvinistischen Konfession an, aber unter den nicht-adeligen Dorfbewohnern gab es immer Katholiken, ihre Zahl ist durch die Ansiedlung der Deutschen (1730-40-er Jahre) stark angestiegen. Der später sehr bedeutend gewordene jüdische Bevölkerungsanteil erschien Mitte des 18. Jh.s im Dorf.
 

Ansiedlung der Deutschen

Genaue Angaben über die Ansiedlung stehen uns nicht zur Verfügung. Zwischen 1720 und 1740 müssen die Siedler aus der Gegend von Rothenburg ob der Tauber in die Ortschaft gekommen sein, sie sprachen einen südfränkischen Dialekt und besiedelten die Straßen um die heutige katholische Kirche (Kereszt utca, Iskola utca). Diesen neu besiedelten Ortsteil nannten sie Terefle (’Dörflein’). Nördlich davon, in der Häusergruppe Sötény wohnten ebenfalls deutsche Familien. Auf Karten des 19. Jh.s wurden diese beiden Ortsteile Német falu (’Deutsches Dorf’) genannt. Ein Teil der Siedler kam mit Sicherheit aus dem Bevölkerungsüberschuss in Werstuhl/Vöröstó. (Dort war nämlich laut Vertrag die Zahl der Grundstücke und Häuser genau festgelegt, sodass sich das Dorf nicht weiter ausbreiten konnte.) Um die Wende des 17.-18. Jh.s besiedelten den Ortsteil „Lódó“ ebenfalls deutsche Bauern. Die deutschen Siedler waren nach dem Urbarium von 1768 Kleinhäusler, sie besaßen kein Feld, keine Kirche und auch keine Schule.
 

Die Bevölkerung im 18. Jh.

 
 Der  ältere Johann Hauck sammelt Heu
Nach der ersten landesweiten Volkszählung, die auf Anordnung von Josef II. 1785-87 erfolgte, gab es in Tótvázsony/Totwaschon 143 Wohnhäuser, darin wohnten 213 Familien mit 1082 Personen. Von den 554 Steuerzahlern (Männern) waren 205 verheiratet, 349 unverheiratet, es wohnten 528 Frauen im Dorf. Die Dorfbevölkerung bestand aus außer dem Pfarrer, 26 Adeligen und 20 Bürgern (Handwerkern) aus 83 Bauernfamilien und 118 Kleinhäuslerfamilien. 140 von den zusammen geschriebenen 193 Kindern waren zwischen 1 und 12 Jahren, 53 waren 13 bis 17 Jahre alt. Die Adeligen waren im Jahre 1793 Oroszy Pál, Kazai Gábor und Rohonczy Pál.  Ab Ende des 18. Jh.s nahm die Bevölkerungszahl ständig zu, da die neu ankommenden Deutschen Katholiken waren und nicht zum Adel gehörten, veränderte dies auch die Bevölkerungszusammensetzung.

 
Der Ort im 19 Jh.

Weinlese im Jahre 1942
Die größten Lehnherren des Ortes waren um 1800 die Familie Szentgyörgyi Horváth.
Da die katholische Gemeinschaft schnell anwuchs, wurden das Errichten einer Pfarrei und der Bau der katholischen Kirche unerlässlich. Erst wurde eine katholische Schule gegründet, am 23. März 1817 wurde dann die neue Kirche der Jungfrau Maria geweiht. Sie wurde mit Unterstützung der Familie Szentgyörgyi Horváth im nordöstlichen Teil der Siedlung erbaut. 1836 hatte der Ort eine gemischte Bevölkerung von Ungarn und Deutschen, sie besaßen weiterhin viele Weingärten in Kis-szőlős (1805 waren 94 der insgesamt 145 Grundstücke im Besitz der Tótvázsonyer).
Tótvázsony/Totwaschon blieb von der ungarischen Revolution 1848/49 unberührt. Nach der Niederschlagung des Freiheitskampfes und den darauf folgenden chaotischen Jahren verschwanden die alten Adelsfamilien des Ortes: Sie starben aus oder zogen weg. Ihre Besitztümer wurden von Freystadtler Antal (jüdischer Religion) aufgekauft, er baute das Zentrum seiner Güter in Kövesgyűrpuszta aus, wo er auch eine Branntweinfabrik bauen ließ. Er gehörte zu den reichsten Männern des Landes, sein geschicktes und fleißiges Wirtschaften sowie seine Wohltätigkeitsinitiativen brachten ihm auch staatliche Anerkennung. 

 
Hangya-Genossenschaft in Tótvázsony, 1919



Im Ort war eine größere Fabrik in Betrieb: Die Ziegelei von Altstadter Ignác versah die Bauarbeiten der umliegenden Ortschaften mit Ziegelsteinen von guter Qualität.
 

Savanyú József, der „Betyár“ des Bakonygebirges

Auf dem Tótvázsonyer/ Totwaschoner Friedhof liegt Savanyú Józsi begraben. Er gehörte zu den letzten „Betyáren“ Transdanubiens, die die Gegend durch Raubüberfälle unsicher machten, die aber zugleich eine große Bekanntheit und Popuralität – ähnlich den Gestalten der Volksmärchen und Legenden – genossen.
Grabmal des letzten ,,Betyár" des Bakonygebirges, Savanyó Jóska

Er sprach fünf Sprachen: Ungarisch, deutsch, Slowakisch, Französisch und Italienisch, unter seinem bekannten Namen wurden in der Gegend viele Raubüberfälle und auch Morde begangen. (In Wirklichkeit war nicht er, sondern der Tótvázsonyer/Totwaschoner Doma Vendel der letzte Räuber, der wegen ähnlicher Delikte gefasst wurde.) Im Dezember 1883 wurden 120 Polizisten in die Gegend geschickt, um ihn gefangen zu nehmen, es wurde ein Kopfgeld von 1.000 Forinten festgesetzt und vom Innenministerium ein Statarialgericht im Komitat Veszprém aufgestellt. Inzwischen ist der landesweit bekannte Räuber zum Mythos geworden. 1884 wurde er festgenommen, bei den Verhören und Verhandlungen stellte sich heraus, dass sich der gefürchtete Räuber des Mordes nie schuldig gemacht hatte. Er wurde zur lebenslänglichen Gefängnisstrafe verurteilt und 1906 – auf Einwirken des Bischofs von Vác – freigelassen. Danach ließ er sich in Soós-Pussta bei seinen Verwandten nieder, wo er 1907 Selbstmord begann.


 
Die Bevölkerung in der ersten Hälfte des 20. Jh.s

Laut den Volkszahlungsdaten aus dem Jahre 1910 wanderten 64 Personen aus Tótvázsony/Totwaschon nach Amerika aus, da in der Gegend eine Phylloxerakatastrophe den Weinanbau praktisch auslöschte, und auch sonst Arbeitslosigkeit herrschte.
,,Amerikanisches'' Stein Strassen nach Hidegkút/Hidikut

Die Ausgewanderten stellten zum eigenen Andenken an der Straßenkreuzung der Tapolcaer Hauptstraße ein Steinkreuz auf, mit der Aufschrift: „…Gewidmet dem Lob Christi und der Ehre Mariä von den Totwaschonern, die in Amerika Arbeit suchten.“ Das andere so genannte Amerika-Kreuz wurde von der verwitweten Frau Szauer an der Ecke der Hidegkúter und der István Straße errichtet.
Aus den Volkszählungsdaten 1910 kennen wir die Bevölkerungszusammensetzung genau: Der Nationalität nach lebten 900 Ungarn, 721 Deutsche, 2 Kroaten, der Konfession nach 1338 Katholiken, 223 Kalvinisten, 36 Lutheraner und 26 Juden im Dorf.
In den 1930-er Jahren sank die Zahl der Katholiken im Ort leicht, während sich die Anzahl der Kalvinisten radikal verminderte. Um dies entgegenzuwirken ließ die Ungarische Wirt AG kalvinistische Bauern aus den nordostungarischen Komitaten Szabolcs-Szatmár und Hajdú in Tótvázsony/Totwaschon ansiedeln, die Ansiedlung dauerte bis 1941 an. Die angesiedelten Familien erhielten Grundstücke an der katholischen Kirche – auf dem ehemaligen Gebiet des Domkapitels –, dieser Teil der Ortschaft trägt bis heute den Namen Telep (’Siedlung’).



Tótvázsony/Totwaschon während des Zweiten Weltkriegs

Das Dorf blieb von den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs nicht unberührt. Die Volksbundbewegung teilte die deutschstämmige Bevölkerung, darüber berichtete der Dorfpfarrer Doroszlay István in der Historia Domus der Pfarrei folgendermaßen: „…Es kam auch vor, dass sich die KALOT-Jungen mit den Volksbundburschen schlugen.“ Wohl als Folge davon veränderte sich die ethnische Zusammensetzung der Dorfbevölkerung stark: Laut den Volkszählungsdaten 1941 gaben 1492 Personen Ungarisch und lediglich 194 Deutsch als Nationalität an. Diese Zensus hatte für viele (vor allem für die 194 deutschgesinnte) verheerende Folgen: Sie wurden nach dem Krieg, in den Jahren 1947-48 nach Deutschland ausgesiedelt.


Levente-Bewegung in Tótvázsony/Totwaschon


Ab Mai 1944 wurden die jungen Männer nach und nach eingezogen, aus den umliegenden Orten ergriffen viele Familien die Flucht. Auch aus Tótvázsony/Totwaschon flohen 33 Familien, von denen später nur drei zurückkehrten.
Am 15. März 1945 gab es im Dorf einen Luftalarm, in seinen letzten Minuten wurde das Dorf von einer sowjetischen Bombe getroffen. Am Abend nach dem Angriff zog die Bevölkerung in die Weinberge, wo sie mehr als eine Woche lang die Nächte verbrachte und nur tagsüber ins Dorf zurückkehrte.

 
 Soldaten in Tótvázsony/Totwaschson

Am 25. März 1945 wurde das Dorf besetzt, die Straßenschlachten forderten auch Opfer. Am 26. März wurde von den sowjetischen Truppen ein abgeschossener russischer Fliegersoldat in der Nähe des Öreg-Gella (des Weinbergs) tot aufgefunden, danach trieben sie die sich in den umliegenden Kellern versteckenden Männer aus den Kelterhäusern und erschossen sie auf dem Bauch liegend, auch die Frauen wurden vergewaltigt.
Die materiellen Schäden waren erheblich: Viele Wohnhäuser und die Schule brannten ab, die Kirchen und das Gemeindehaus wurden stark beschädigt.
Am 26. März entfernte sich die Front vom Dorf.
Nach Kriegsende wurden im Dorf eine Nationale Kommission sowie eine Kommission für Ackerverteilung gegründet. Nach der Potsdamer Konferenz zeigten sich die ersten Retorsionen im Ort: Den 26 Dorfbewohnern, die während des Krieges den Ort verließen, wurden die Häuser und Ackerböden enteignet. (Von den 33 Familien kehrten nämlich viele nicht zurück, die im Februar 1948 jedoch vertrieben wurden.)

 
Die Vertreibung

Die Gemeindevorsteher fingen am 18. September 1947 an, das Eigentum der zur Vertreibung festgesetzten 11 Familien zusammenzuschreiben. Die Häuser wurden den aus der Tschechoslowakei vertriebenen ungarischen Familien übergeben. Laut den offiziellen Angaben wurden am 10. Februar 1948 aus Tótvázsony/Totwaschon insgesamt 29 Personen vertrieben. Sie wurden in Güterwaggons erst nach Székesfehérvár, dann nach Dresden transportiert, nachdem ihnen sämtliches Geld und alle Wertgegenstände abgenommen wurden.

 
Nach dem Krieg

Am 22. Oktober 1950 wurde im Dorf ein selbstständiger Gemeinderat gewählt. Im Jahre 1955 wurden 24 Bauern Mitglied der LPG, als größte Errungenschaft der 1956-er Revolution wurde gefeiert, dass die Pflichtabgaben an die Kommunisten abgeschafft wurden.
Am 1. Juli 1969 veränderte sich die Verwaltungsorganisation: Vier Dörfer (Nemesvámos, Veszprémfajsz/Faist, Tótvázsony/Totwaschon und Hidegkút/Hidikut) wurden zu einer Gemeinde vereinigt, das Verwaltungszentrum wurde Nemesvámos. Wegen der ständigen Abwanderung der – vor allem jüngeren – Bevölkerung sank die Bevölkerungszahl kontinuierlich.

 
Nach der Wende

Bereits im Zeichen der erwarteten politischen Veränderungen wurden nach dem 1. September 1989 im Tótvázsonyer Kindergarten und in der Schule deutschsprachige Veranstaltungen organisiert. Schon seit 1982 funktionierte auch ein Deutscher Nationalitätenchor im Ort.
Nach gründlicher Vorbereitung wurde am 30. September 1990 in Tótvázsony/Totwaschon ein selbstständiger Gemeinderat gewählt, noch in demselben Jahr wurde eine gemeinsame Gemeindedirektion mit Hidegkút/Hidikut (mit Zentrum in Tótvázsony/Totwaschon) gegründet. Im Jahre 1994 wurde eine deutsche Minderheitenselbstverwaltung gewählt. Ebenfalls im Jahre 1994 entstand eine Gemeindepartnerschaft mit Dobel (Deutschland), in beiden Gemeinden wurde ein Park zu Ehren der Partnergemeinde errichtet.
Die Bevölkerung von Tótvázsony/Totwaschon zählt (laut den Angaben 2009) 1282 Personen in 450 Häusern, 637 Männer und 644 Frauen. 87% der Einwohner sind katholisch, 10% kalvinistisch, 3% gehören anderen Religionen an. 62% der Bevölkerung bekennt sich zur deutschen, 38% zur ungarischen Nationalität.
 

Zusammengestellt: Hauckné Heilig Réka (Lehrerein), Hauck Jánosné (Kindergartenleiterin), Heilig Zoltán (Buchhalter)
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